Fazialisparese und Gesichtslähmungen

Eine Fazialisparese tritt manchmal ganz plötzlich und ohne erkennbare Ursachen auf. Sie führt meistens zu einer vollständigen Bewegungsunfähigkeit einer Gesichtshälfte und zu einer asymmetrischen Gesichtsausdruck aufgrund der reduzierten Muskelspannung. Vor allem das plötzliche Auftreten und das stark veränderte Aussehen der Betroffenen, führen häufig zu einem hohen Leidensdruck, einer Angst vor einer unentdeckten Erkrankung und einer sozialen Verunsicherung. Fazialisparesen sollten möglichst frühzeitig logopädisch behandelt werden, um die Regeneration der Gesichtsmotorik zu unterstützen.

Logopädische Behandlung der Fazialisparese

Der Nervus Fazialis ist der siebte von insgesamt zwölf Hirnnervern. Er entspringt im Hirnstamm und zieht mit seinen Nervenfasern in Richtung der Gesichtsmuskulatur und innerviert dort alle mimischen Muskeln. Da diese Muskeln neben der Mimik auch noch an der Artikulation, dem Schlucken und dem Mundschluss beteiligt sind, spielt der Fazialisnerv in der Logopädie eine bedeutende Rolle.

Die Symptomatik der Fazialisparese

Aus logopädischer Perspektive stehen bei der Symptomatik der Fazialisparese die Symptome im Vordergrund, die zu Einschränkungen in der verbalen und nonverbalen Kommunikation oder beim Schluckvorgang stehen:

  • Eingeschränkte Boluskontrolle beim Kauen und Schlucken:
    Bevor wir Schlucken, bereiten wir das Schluckgut zu einem Bissen, dem sogenannten Bolus vor. Dazu kauen wir gründlich, bis ein homogener Speisebrei entsteht. Damit wir diesen Bolus anschließend hinunterschlucken können, ist ein kräftiger Mundschluss erforderlich. 
Die meisten Muskeln, die am Kauen und der oralen Boluskontrolle beteiligt sind, werden vom Fazialisnerv versorgt.
  • Speisereste in der Wangentasche und Bissverletzungen der anliegenden Wangenschleimhaut.
  • Reduzierte Speichelproduktion beim Kauen: Beim Kauen vermischt sich der Speisebrei mit Speichel, womit der Verdauungsprozess bereits beginnt. Die Speicheldrüsen des Unterskiefers, die an der Speichelproduktion beteiligt sind, werden ebenfalls durch den Fazialisnerv versorgt.
  • Artikulation: Neben der Zunge, den Zähnen und dem Gaumensegel, gehören auch die Mundlippen zu unseren Artikulationsorganen. Wir benötigen sie für die Artikulation der Laute /f/, /p/ oder /b/, bei den gerundeten Vokalen /o/ und /u/ sowie bei den Umlauten /ö/ und /ü/. Im Rahmen einer Fazialisparese kommt es hmeistens auch zu Artikulationsstörungen.
  • Eingeschränkte Mimik: Menschen kommunizieren in ausgeprägter Weise auch nonverbal. Es gibt diverse Emotionen, die wir über einen entsprechenden Gesichtsausdruck vermitteln. Dabei führen die mimischen Muskeln sehr differenzierte Bewegungen aus, die vom Kommunikationspartner  verstanden werden. Typische Emotionen, die wir mimisch darstellen können sind Freude, Zufriedenheit, Verwunderung, Ekel, Abneigung, Trauer, Angst, Zorn, Genugtuung u.a.. Vor allem das Lachen und Lächeln sind auf der betroffenen Seite nicht mehr möglich und führen oft zu ausgeprägten Verzerrungen des Gesichtsausdrucks.
  • Hängender Mundwinkel in Ruhe
  • Inkompletter Lidschluss des Auges und verminderte Tränenproduktion können zum Austrocknen der Hornhaut führen.
  • Hyperakusis (Überempfindlichkeit) für tiefe Frequenzen bei Mitbeteiligung des N.Stapedius
  • Einseitig auftretende Schmeckstörung

Ursachen & ärztliche Diagnostik

Fazialisparesen können diverse Ursachen haben. Um eine eventuell zugrundeliegende Erkrankungen auszuschließen, sollte daher immer eine medizinische Abklärung erfolgen. Neben der klinischen Untersuchung können weiterführende Untersuchungen wie Laboruntersuchung,  elektrophysiologische Untersuchung oder bildgebende Verfahren durchgeführt werden. Werden bei den Untersuchungen keine ursächlichen Erkrankungen gefunden, spricht man von einer ideopathischen Fazialisparese.

Therapie

Bei der ärztlichen Therapie steht die Gabe von Glucocortikoiden im Vordergrund. Zusätzliche Maßnahmen sind der Einsatz von Virustatika, künstlicher Tränen, Hornhautschutz durch Dexpanthenol-Augensalbe und nächtlicher Uhrglasverband bei unzureichendem Lidschluss. Eine ausführliche Beschreibung der Fazialisparese finden Sie in der entsprechenden AWMF-Leitlinie der Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Logopädische Behandlung der Fazialisparese

Auch wenn wissenschaftliche Studien die Wirksamkeit einer logopädischen Übungsbehandlung derzeit nicht eindeutig belegen können, empfiehlt die Gesellschaft für Neurologie (DGN) diese ganz eindeutig. Übungsbehandlungen bei Fazialisparesen können grundsätzlich durch Physiotherapeuten oder Logopäden durchgeführt werden. In einer logopädischen Eingangsuntersuchung erfolgt ähnlich wie in der ärztlichen Untersuchung eine klinische Diagnostik, in der die Merkmale der Fazialisparese beschrieben werden:

  • Wie stark ist die Gesichtslähmung ausgeprägt?
  • Liegt eine Lähmung der gesamten Gesichtshälfte vor oder ist die Stirnpartie noch beweglich?
  • Gibt es Einschränkungen bei der Geschmackswahrnehmung? Liegt eine Schmeckstörung vor?
  • Ist die Speichel- und Tränensekretion verändert?
  • Ist eine veränderte Hörwahrnehumg aufgefallen?
  • Gibt es andere Begleitsymptome?

Zusätzlich kann zur Evaluation des Behandlungsverlaufes eine Videodokumentation der Beweglichkeit der mimischen Muskulatur, sowie eine Sprechananlyse durchgeführt werden. In der daran anschließenden Übungsbehandlung geht es um die Aktivierung der gelähmten fazialen Muskulatur. Dabei kommen verschiedene Stimulationstechniken und gesichtsmotorische Übungsprogramme zum Einsatz.