Aphasie: plötzlicher Sprachverlust nach Schlaganfall

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Nach Schlaganfällen kommt es häufig zu Sprachstörungen mit plötzlich eintretendem Verlust der sprachlichen Fähigkeiten, der Aphasie. Da wir Menschen vom ersten Moment unseres Lebens kommunikative Wesen sind, ist solch ein Ereignis für die Betroffenen meistens ein einschneidendes, emotional sehr belastendes Ereignis. Lesen Sie in diesem Artikel über die  physiologischen Zusammenhänge, die Symptomatik und die Behandlung von Aphasien.

Die Sprachzentren im Gehirn

Unser Gehirn ist in der Weise strukturiert, dass unterschiedliche Aufgaben von spezifischen Hirnstrukturen verarbeitet werden. Die sogenannten primären Rindenfelder sind Regionen unseres Gehirns, in denen Sinneseindrücke einer bestimmten Qualität verarbeitet werden, wie z.B. das Sehen, das Riechen und die Empfindung von Berührungsreizen. Auch für das Verstehen und die Produktion von Sprache gibt es zwei spezifische, sprachverarbeitende Areale, das Broca- und das Wenicke-Zentrum. Diese beiden Hirnareale stehen bei der Sprachverarbeitung mit verschiedenen anderen Gehirnstrukturen in Verbindung, die teilweise in der Großhirnrinde, teilweise aber auch darunter, subkortikal, liegen. Die sprachverarbeitenden Areale sind bei den meisten Menschen überwiegend in der linken Gehirnhälfte lokalisiert.

Die Blutversorgung des Gehirns

Da das Gehirn über keinerlei Nährstoff- oder Sauerstoffreserven verfügt, ist es auf eine kontinuierliche Blutzufuhr angewiesen. Jede Gehirnhälfte wird von einer großen Hirnarterie, der Arteria cerebri versorgt, die jeweils drei verschiedene Äste hat:
– Die Arteria cerebri anterior versorgt den vorderen Teil einer Gehirnhälfte.
– Die Arteria cerebri media versorgt den mittleren Teil einer Gehirnhälfte.
– Die Arteria cerebri posterior versorgt den hinteren Teil einer Gehirnhälfte. 

Die Ursache für den plötzlichen Sprachverlust: Minderdurchblutung des Gehirns

Kommt es aus irgendeinem Grund zu einer Minderversorgung des Gehirns mit Blut, führt dies schon nach wenigen Sekunden zur Bewusstlosigkeit. Hält der Zustand an, führen solche Durchblutungsstörungen nach wenigen Minuten zu dauerhaften Schädigungen des Hirngewebes, dem Schlaganfall (auch: Hirninfarkt, Apoplex). Die Lokalisation der Schädigung bestimmt auch die daraus resultierende neurologische Symptomatik. Läsionen im Bereich der Arteria cerebri media führen häufig zu Sprachstörungen, den sog. Aphasien, da sich in deren Versorgungsgebiet die sprachverarbeitenden Areale mit dem Wernicke- und dem Broca-Zentrum befinden.

Der ischämische Schlaganfall (Insult, Apoplex)

Größere Partikel im Blut, die z.B. bei arteriosklerotischen Prozessen oder kardialen Embolien entstehen, werden mit dem Blutfluss fortgespült und verursachen in den kleineren Hirnarterien Gefäßverschlüsse (Embolien). Die nachfolgenden Regionen werden dadurch von der Blutversorgung ausgeschlossen und es kommt zur Degeneration von Nervengewebe, der Ischämie. Die Ischämie ist die häufigste Ursache von Schlaganfällen.
Eine Embolie der gesamten linken Arteria cerebri media führt zu einem kompletten Mediainfarkt, bei dem große Teile der linken Gehirnhälfte, einschließlich der beiden Sprachzentren betroffen sind. Diese ausgeprägte Läsion führt zu schweren Aphasien mit umfassenden sprachlichen Ausfällen. Sind nur kleinere Hirnarterien betroffen wird von einem Mediateilinfarkt gesprochen, mit geringergradigen neurologischen Ausfällen und günstigerer Prognose.

Hirnblutungen

Hirnblutungen entstehen häufig dann, wenn durch die Aussackung von Blutgefäßen ein Aneurisma entsteht. Durch einen plötzlichen Blutdruckanstieg kann es passieren, dass Aneurismen platzen und es zur Einblutung in das Hirngewebe kommt. Genau wie bei den Ischämien auch, führen solche Läsionen immer dann zu Aphasien, wenn sprachverarbeitende Areale betroffen sind.

Wie lassen sich Aphasien einteilen?

Bei einer Aphasie handelt es sich in der Regel nicht um einen vollständigen Sprachverlust, sondern um eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Form einer Sprachstörung. Je nach Charakteristik der sprachlichen Symptomatik, werden die Sprachstörungen in flüssige und nicht-flüssige Aphasien eingeteilt.
Flüssige Aphasien sind durch die fließende Sprache des Patienten gekennzeichnet. Häufig sind die Patienten sehr schwer zu verstehen, da es bei der Sprachproduktion zu Verwechslungen von Wörtern (semantischen Paraphasien), zu Artikulationsfehlern (phonematischen Paraphasien), Wortneuschöpfungen (Neologismen) und grammatikalischen Fehlern (Paragrammatismus) kommt. Teilweise kommt es zu einer überschießenden Sprachproduktion (Logorrhoe). Das Sprachverständnis ist meistens stark eingeschränkt.
Nichtflüssigen Aphasien zeichnen sich durch die verlangsamte Sprechgeschwindigkeit, viele Unterbrechungen und eine sehr kurze Äußerungslänge aus und führen bei den Patienten häufig zu einer erhöhten Sprechanstrengung.

Logopädische Behandlung von Schlaganfallpatienten

Sprachtherapie

Aphasien können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Daher ist vor allem zu Beginn der Behandlung eine ausführliche Diagnostik erforderlich, in der die sprachlichen Symptome sowie die verbliebenen kommunikativen Fähigkeiten des Patienten untersucht werden. Im Anschluss beginnt die eigentliche Sprachtherapie, die das Ziel hat, den natürlichen Heilungsprozess zu unterstützen. In dieser Phase ist es besonders wichtig, dass der Patient trotz der Sprachstörung seine verbliebenen sprachlichen und nicht-sprachlichen Kommunikationsmittel aktiv einsetzt.

Schlucktherapie

Schlucken ist ein lebenswichtiger und physiologisch sehr komplizierter Vorgang, an dem diverse Organstrukturen beteiligt sind und der von unserem Gehirn gesteuert wird. Auch wenn wir es in der Regel gar nicht bemerken, schlucken wir ziemlich häufig, nämlich ca. 1 Mal pro Minute. Nach Schlaganfällen kommt es vor allem in der Akutphase des Schlaganfalls häufig zu Schluckstörungen, die dazu führen, dass sich die Patienten verschlucken. Dabei gelangt ein Teil des Schluckgutes nicht wie vorgesehen in die Speiseröhre, sondern tritt in den Kehlkopfeingang ein und gelangt auf diesem Weg in die unteren Atemwege. In solchen Fällen besteht immer die Gefahr, dass sich aufgrund der Schluckstörung eine Lungenentzündung, die so genannte Aspirationspneumonie entwickelt. Aus diesem Grund ist es von großer Bedeutung, dass in der Akutphase einer Aphasie auch die Schluckfunktion des Patienten überprüft wird und ggfs. eine Schlucktherapie eingeleitet wird.

Angehörigenberatung

Wenn es bei einem Patienten zu einem Schlaganfall mit plötzlichem Sprachverlust kommt, dann entstehen bei den Angehörigen meistens viele Fragen zum kommunikativen Umgang mit dem Aphasiker. Sehr sinnvoll kann es sein, die Angehörigen mit in die Therapie zu integrieren und ihnen zu vermitteln, wie man so effektiv wie möglich mit Aphasikern kommunizieren kann und welche Fehler vermieden werden sollten. Auch alternative Kommunikationsformen, wie z.B. Gesten, zeichnen, schreiben und Kommunikationshilfen sollten, wann immer sinnvoll, eingesetzt werden.
Viele Fragen zum Thema Schlaganfall und Aphasie werden in diversen Informations-Broschüren ausführlich beantwortet. Entsprechendes Material finden Angehörige z.B. auf der Internetseite des Bundesverbandes für die Rehabilitation der Aphasiker.